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drugster.com kurzgeschichten - räume
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Räume.

Das funktionierende System funktioniert nicht immer, aber es ist im Fortschritt,
und es läßt sich im Fortschritt nicht hindern, das funktionierende System macht
keine Ausnahme und läßt sich nicht hindern.

In der Sonne nachmittags geht O. spazieren, aber er geht nicht lange spazieren:
Personen treten auf ihn zu, Personen umringen ihn; abgeführt wird O.
In ein Gebäude wird er gefahren, in eine Zelle wird er geführt; in der Zelle
findet O. andere O.s, die auf dem Boden der Zelle sitzen und anfangen, O. zu
beschuldigen, zu beschimpfen, zu verhören, zu beschuldigen.
O. weiss nicht, warum er in der Sonne nachmittags abgeführt worden und in die
Zelle gekommen ist; O. wird ausgelacht, geneckt, das hätten die anderen O.s
auch nicht gewußt, O. soll mal nachdenken, O. denkt nach. O. soll mal nachdenken,
O. denkt nach.
Stehen muss O. einige Stunden zwischen einigen Tischen um ihn herum mit fragenden
Personen hinter den Tischen; schnell wird gefragt hinter den Tischen, direkt,
indirekt, im Konjunktiv, im Präsens, im Perfekt, quasi unterstellend, quasi
voraussetzend; O. muss sich einige Stunden schnell hin und her drehen, es wird
ihm schwindlig, O. wird weggetragen; O. wird in der Zelle ausgelacht; alte O.s
lachen, weit O. nichts weiss, nichts begreift, nichts weiss, nichts begreift.
O. verlangt Auskunft, warum. O steht eine Nacht lang aufrecht in einer Röhre
und kann nicht umfallen. O. wird am nächsten Tag gefragt, mit welchen Gedanken
er die Buchstaben aus der Zeitung ausgeschnitten hat. O. sagt, dass er keine
Gedanken gehabt hat. Dann gebe er aber doch zu, dass er die Buchstaben aus der
Zeitung ausgeschnitten hat. O. sagt, dass er niemals Buchstaben aus der Zeitung
ausgeschnitten hat. Aber er habe doch bekannt, dass er Buchstaben aus der Zeitung
ausgeschnitten hat. O. sagt, dass das eine Unterstellung sei.
O. erhält eine Berührung und fällt hin. O. steht wieder auf und sagt, dass.
O. wird angefaßt und geht sofort in die Knie. Es ist kalt in der Zelle. Es ist heiß
in der Zelle. O. liegt auf dem Bauch in der Zelle und auf seinen Hinterkopf tropft
stundenlang ein Tropfen nach dem anderen. O. weiss nicht, wie er den Hunger aushalten
soll und nagt am Strick. Der Tisch wird gedeckt: Fleisch, Kartoffeln, Gemüse;
O. zerrt an den Stricken umsonst; es dampft vor seinen Augen auf dem Tisch. Er soll
ja nur bekennen. O. sagt, er habe zum soundsovielten Male nichts zu bekennen.
Weggetragen wird der dampfende Tisch; O. fragt sich, ob Bekennen etwas nützt, obschon
er nichts zu bekennen hat. Alle O.s sagen Sprüche im Chor auf und essen und sagen
andere Sprüche im Chor auf.
Es wird gespritzt; O. sitzt im Wasser. O. wird am Einschlafen gehindert. Was ist
richtig, fragt sich O., was ist nicht richtig, ich weiss es nicht, ich bin voller
Zweifel. O. sitzt in der Nacht einer freundlichen Person gegenüber und beginnt
plötzlich zu bekennen. Die freundliche Person stellt freundlich Erleichterungen
in Aussicht, will aber Einzelheiten wissen, Daten, detaillierte Daten. O. weiss
keine detaillierten Daten und die freundliche Person wird unfreundlich.
Detaillierte Daten. O. sucht seine Erinnerung nach detaillierten Daten ab und beginnt
detaillierte Daten zu erfinden. Die detaillierten Daten sind widersprüchlich;
O. korrigiert und sitzt ohne Strick am Tisch und ißt. Und schläft.
O. steht zwischen einigen Tischen mit Personen dahinter. O. hat bekannt und soll
beurteilen. Beurteilen was? Seinen Standpunkt, den falschen, sowie den Standpunkt,
von dem aus sein Bekenntnis seinen falschen Standpunkt als falschen Standpunkt
begreift. O. beginnt zu stottern und wird in die Zelle zurückgetragen, in der alle
anderen O.s Sprüche vorlesen und so interpretieren, dass sich das Gegenteil aufhebt.
O. wird geschult und begreift den Standpunkt. O. definiert den Standpunkt und
beurteilt das Bekenntnis von der Definition des Standpunktes aus. Dann kann sich
O. hinsetzen. O. sitzt im Sessel einer freundlichen Person gegenüber, die ihr
Bedauern ausspricht, dass O. nicht früher in den Genuss der Erleichterungen habe
kommen können. O. sagt noch einmal, ohne gefragt zu sein, dass es ein Verbrechen
gewesen ist, das zu denken, was er gedacht hat, als er die Buchstaben aus der
Zeitung ausgeschnitten hat. Die freundliche Person sagt, dass es darauf ankommt,
durch Schulung des neuen Denkens zu beweisen.
O. meint, dass zwar auf Grund eines Irrtums oder einer Verwechslung, aber O. erhält
eine Berührung und liegt eine Nacht im Wasser.
O. zweifelt nicht mehr und beurteilt pausenlos. Der Irrtum ist mein Irrtum, sagt O.
und alle O.s gratulieren O. und reihen O. in den Chor ein. O. rezitiert Sprüche im
Chor und diskutiert, bis sich das Gegenteil aufhebt. O. vernichtet sich im Prozess
anhand einer Liste seiner Bekenntnisse und Beurteilungen. O. will kein mildes
Urteil. O. will lange Schulungszeit. O. sitzt mit den anderen O.s in der Zelle und
paßt auf, dass alle O.s diskutieren, bis sich das Gegenteil aufhebt. O. dirigiert
Sprüche im Chor. In die Zelle stolpert ein neuer O. und fällt hin. O. bückt sich
lächelnd und fängt an.

(Becker, Jürgen, deutscher Schriftsteller, *1932))

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